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Von Selbstbewusstsein und Fachkenntnis

Carmen Mohr studiert im 10. Semester Rechtswissenschaft und ist seit Oktober 2015 bei der Refugee Law Clinic dabei. Im Interview erzählt sie unter anderem von den Anhörungen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und warum Selbstbewusstsein manchmal wichtiger ist als Fachkenntnis.


Interview von Thomas Paintner


Warum hast du bei der RLCR angefangen?


Zum einen wollte ich Praxiserfahrung. Ich hatte angefangen, Jura zu studieren, um irgendwann auch mal Leuten helfen zu können. Im Praktikum sieht man mehr wie die Arbeit läuft, arbeitet aber nicht wirklich selbst. Wirklich Arbeit mit Eigenverantwortung bekommt man also auch da nicht.


In der RLC hat man dagegen selbst Kontakt zu Mandanten, und übernimmt auch sonst alles von Recherche bis zum Kontakt mit den Behörden. Aber gleichzeitig wird man nicht allein gelassen, sondern ist in einer Gruppe und hat gegebenenfalls noch Hilfe von Leuten, die das Staatsexamen schon haben.


Warst du schon davor am Asylrecht interessiert oder hattest Vorkenntnisse?


Ich hatte die Vorlesung „Recht der Zuwanderung“ von Dr. Griesbeck besucht. Das war zu einem Zeitpunkt, als das Thema noch nicht so aktuell war wie jetzt. Außerdem hatte ich den Schwerpunkt Europarecht.


Was war dein erster Fall und wie bist du an die Bearbeitung herangegangen?


Mein erster Fall war eine Anhörungsvorbereitung für einen Kurden aus dem Nordirak. Ich hatte ihn dann später auch zum BAMF begleitet. Das Gute war hier, dass wir eine große Gruppe von Bearbeitern waren. Man stand also nicht alleine da, sondern jeder hat seinen Beitrag geleistet.


Allgemein finde ich am Wichtigsten, sich erst mal mit den Leuten persönlich zu treffen, um einen richtigen Eindruck zu bekommen. Man sollte dann möglichst schnell die Recherche über den Sachverhalt und Rechtslage über die Bühne bringen, um mit den Behörden in Kontakt treten zu können, denn Antworten können dauern.


Was hattest du noch für Fälle?


Da war zum einen ein Ägypter, der einen Aufenthaltstitel in Deutschland wollte. Sein Asylverfahren wurde bereits einmal abgelehnt und nun versuchte er es erneut, wobei er nicht viel Aussicht auf Erfolg hatte. Wir erkundigten uns deshalb nach anderen Möglichkeiten, denn er hatte auch eine Deutsche geheiratet. Auch die anderen Optionen waren aber leider nicht besonders aussichtsreich.


Außerdem war ich noch bei einer Anhörungsvorbereitung für einen weiteren Iraker dabei.


Du bist auch mehrmals mit dem BAMF in Kontakt getreten. Wie lief das ab?


Zuerst wollte ich einen Iraker zur Anhörung begleiten, da wurde ich aber nicht mit reingelassen. Immerhin habe ich dann im Nachhinein nach einigen Briefen ein Schreiben vom BAMF erwirkt, dass ich eigentlich mit rein hätte dürfen und die Anhörung auch sonst nicht einwandfrei abgelaufen ist. Bei einer zweiten Anhörung durfte ich nach viel Überzeugungsarbeit tatsächlich mit rein.


Die Anhörung selbst war dann relativ unspektakulär. Es war eine Dublin-III-Anhörung, es ging also darum, ob Deutschland für das Asylverfahren überhaupt zuständig ist. Das ging alles nach dem Standardprotokoll mit den üblichen Fragen. Ich wollte allerdings mit ins Protokoll aufnehmen lassen, dass der Flüchtling nicht zurück nach Ungarn möchte, weil er dort misshandelt wurde.


Die Unwissenheit der BAMF-Mitarbeiter fand ich hier etwas schockierend. Der Mitarbeiter meinte, der Flüchtling dürfe ja sowieso in Deutschland bleiben, wenn er sage, er will nur in Deutschland seinen Antrag stellen. Hier darf man sich nicht immer einfach auf die Aussagen verlassen, auch wenn man davon ausgehen würde, dass diese Leute Fachkenntnis haben.


Gibt es etwas, das du gerne schon beim ersten Fall gewusst hättest oder jetzt anders machen würdest?


Ich wäre nicht mehr so geduldig, was den Kontakt mit den Ämtern angeht. Ich finde im Nachhinein, dass man da schon Druck machen kann, ohne dass es negative Auswirkungen hat. Auch sollte man stets seinen Kenntnissen durch Recherche und die Gespräche mit den Law Clinic Kollegen vertrauen und sich nicht durch möglicherweise falsche oder ungenaue Aussagen von Beamten und Behörden beirren lassen.


Wie gehst du mit der menschlichen Ebene der Arbeit um?


Ich finde das Ganze viel wichtiger als man zuerst denkt. Ich habe immer noch Kontakt zu manchen Flüchtlingen. Daher meine ich auch, dass man nicht zu viele Fälle auf einmal annehmen soll, sonst kann man sich nicht mehr richtig persönlich um die einzelnen Fälle kümmern und einem vernünftigen Anspruch gerecht werden. Für die Betroffenen sind das ja wichtige Angelegenheiten und man sollte auch ein Mindestmaß an persönlichem Kontakt haben.


Was hast du von der Arbeit gelernt?


Selbstbewusstsein ist oft wichtiger als Rechtskenntnis, Nichtwissen macht auch nichts. Recherchieren gehört schließlich auch zum Alltag. Ich denke, dass kein Anwalt der Welt immer alles sofort weiß. Man muss daher auch keine Angst haben, sich einmal zu blamieren. Und das, was man durch die Recherche und den Diskurs mit den Kollegen einmal gelernt hat und praktisch anwendet, vergisst man nicht, anders vielleicht als es bei manch stoisch Gelerntem der Fall ist.


Hast du vor, später in dem Bereich zu arbeiten?


Ja, auf jeden Fall. Ganz so gelderträglich ist das Ganze zwar vielleicht nicht, daher wohl nur nebenbei, aber wenn man irgendwie die Möglichkeit hat, finde ich, dass man das machen sollte.


Vielen Dank für das Interview!

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