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„Wir müssen internationaler denken“

Stefan Morling studiert im 8. Semester Jura und arbeitet seit 6 Monaten als Berater für die Refugee Law Clinic Regensburg (RLCR). Im Interview erzählt er, warum er für die RLCR als Berater tätig ist, welche Erfahrungen er bisher gemacht hat und warum er denkt, dass die Arbeit in Zukunft noch internationaler gestaltet werden sollte.


Interview von Rebecca Schäfer

„Reicher Mann und armer Mann standen da und sahn sich an. Und der Arme sagte bleich: ‚Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich‘.“

– Berthold Brecht


Warum hast du als Berater bei der RLCR angefangen?


Auf das Flüchtlings- und Asylrecht bin ich 2011 durch eine Vorlesung des stellvertretenden Leiters des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge „Recht der Zuwanderung“ aufmerksam geworden. Ich war bereits damals der Meinung, dass es ein wichtiges Thema ist, auch aufgrund der Kriege in Syrien und Zentralafrika. Ich wurde auch durch meine Aufenthalte und Praktika in Armenien für das Thema sensibilisiert. Letztes Jahr habe ich bereits unabhängig von der RLCR an einer Summer School in Kroatien mit dem Thema „Human Rights and Globalization“ teilgenommen. Als ich vor circa einem Jahr erfahren habe, das Prof. Graser die RLCR gründen möchte, war ich gleich von Anfang an dabei.


Wie ist der übliche Ablauf, wenn man einen Fall übernimmt?


Wir werden meistens von den Betreuern der Flüchtlinge kontaktiert und versuchen dann, eine juristische Lösung für das Problem zu finden. Nach der Lösung eines Falls besteht meistens kein Kontakt mehr. Bis aber zum Beispiel ein Antrag auf Familienzusammenführung bearbeitet wurde, vergehen oft Monate, daher wissen wir nicht immer, wie unsere Fälle ausgehen. Zu einigen Klienten besteht der Kontakt aber nach wie vor. Es gibt Fälle, die juristisch sehr spannend sind und bürokratische Probleme, die sich mit einem Anruf lösen lassen.

Man wird als Berater nicht alleine gelassen, wenn man einen Fall übernimmt, das gefällt mir gut. Es besteht immer eine Rücksprache mit der Leitung. Dadurch wird Professionalität gewährleistet und es passiert nicht, dass man in einem Fall nicht mehr weiß, wie man weiterkommt.


Wenn du etwas noch besser machen könntest, was wäre das?


Ich denke, wir sollten das Ganze noch internationaler angehen. Es ist ein Problem, dass wir nur Fälle von Leuten haben, die schon in Deutschland sind. Wenn ich in der Ukraine bin, möchte ich versuchen, eine Möglichkeit der Zusammenarbeit zu finden um den Leuten schon vor Ort zu helfen. Es reicht nicht aus, die Lösung nur in Deutschland zu suchen. Im Moment bearbeite ich vorrangig Familienzusammenführungen, da wir bei diesen Fällen bereits die Möglichkeit haben Leute aus Krisengebieten zu uns zu holen.


Wie viele Fälle hast du bereits betreut?


Bisher habe ich 10 Fälle bearbeitet. Am meisten konnte ich dabei bei Familienzusammenführungen helfen.


Welche Erfahrungen hast du bei deiner Arbeit als Berater bisher gemacht?


Oft prallen die deutsche Bürokratie und die der Herkunftsländer der Flüchtlinge aufeinander. Bei Syrern liegen häufig keine Reisedokumente vor, der nationale Ausweis von Syrien wird von deutschen Behörden aber nicht akzeptiert, da nur Pässe mit lateinischer Schrift anerkannt werden. Das ist bei Familienzusammenführungen immer wieder ein Problem. In einem anderen Fall konnte ein Ehepaar aus Eritrea keine Geburtsurkunde für ihr Kind beantragen, da keine Dokumente über die Eheschließung vorlagen und sie nicht belegen konnten, dass der Ehemann der Vater des Kindes ist.


Gibt es etwas, was du bisher gelernt hast oder Erfahrungen die du gemacht hast, die dich überrascht haben?


Ich habe vor 2 Jahren einen Arabisch-Kurs an der Uni besucht. Aufgrund meiner Arbeit mit Flüchtlingen aus Syrien in Armenien und in der RLCR konnte ich meine Kenntnisse wieder auffrischen und verbessern. Inzwischen kann ich sogar eine einfache Unterhaltung auf Arabisch führen.


Lässt sich die Arbeit als Berater gut mit dem Studium vereinbaren?


Es gibt nicht jeden Tag etwas zu tun. Am Anfang wenn man einen Fall übernimmt und den Klienten anschreibt, hat die Arbeit teilweise auch viel mit Warten zu tun. Aber generell wird von niemandem mehr verlangt, als er machen möchte. Natürlich wird es immer mehr Menschen geben, die unsere Hilfe brauchen, als wir tun können. Daher gibt es für die RLCR auch mehr Arbeit, wenn es mehr Berater gibt.


Am Mittwoch fliegst du in die Ukraine um an dem Seminar „Let´s Make it Home“ teilzunehmen. Wie bist du auf das Seminar aufmerksam geworden und warum hast du dich beworben?


Meine Freundin hat mich auf das Seminar aufmerksam gemacht. Sie war der Meinung, es wäre genau das Richtige für mich. Ich stelle es mir sehr spannend vor mit Leuten zusammen zu arbeiten und zu sprechen, die in Griechenland am Strand arbeiten und Flüchtlingscamps aufbauen.


In dem Seminar geht es unter anderem darum, die rechtlichen Instrumente der Länder untereinander zu vergleichen, die den Status und die Unterstützung von Flüchtlingen betreffen.

Welche Themen interessieren dich außerdem?


Auf dem Seminar sind Leute aus fast allen Ländern vertreten, die mit der Flüchtlingskrise etwas zu tun haben. Die Ukraine, Italien, Spanien, Deutschland und England zum Beispiel. Alle Länder haben bisher anders agiert. Daher wird es sehr interessant sein, wie die Teilnehmer aus den Ländern zu der Flüchtlingskrise stehen. Ich denke, es wird eine große Uneinigkeit herrschen.

Außerdem kann eine mögliche Lösung für das Problem nicht in Deutschland liegen. Es muss Wohlstand für die Menschen erzeugt werden, damit es erst gar keine Flüchtlinge gibt. Das Problem besteht auch unabhängig von Krisen. Es löst kein Problem, die Flüchtlinge aus Europa draußen zu halten. Eine Lösung für Europa ist keine Lösung.


Möchtest du dein erworbenes Wissen auch außerhalb der RLCR einsetzten?


Es gibt auf der Welt so viele Probleme, die es anzugehen gilt. Ich möchte unbedingt später in einem ähnlichen Bereich arbeiten. Es sind die Geschichten von Menschen, die als Entwicklungshelfer und in Flüchtlingslagern auf der ganzen Welt arbeiten, die mich inspirieren.


Vielen Dank für das Interview!

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